Schlagwort-Archive: Rilke

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,

Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

Advent 2009

Es hetzt der Mensch durchs Stadtgetümmel
die Gaben schleppt er wie ein Pferd,
Und manche Mutter ahnt, wie balde
Sie entnervt und wütend wird.

Und eilt noch schnell. Den bunten Päckchen
Streckt sie die Arme hin – bereit,
Und wehrt den Nachbarn die sie schubsen
Wo bleibt die ganze Herrlichkeit?

mague 2009

Die Zeiten wandeln sich!

Gefühl des Anfangs

„Man kann gar nicht oft genug im Leben
das Gefühl des Anfangs in sich aufwecken,
es ist so wenig äußere Veränderung dafür nötig,
denn wir verändern ja die Welt von unserem Herzen aus,
will dieses nur neu und unermesslich sein,
so ist sie sofort wie am Tage ihrer Schöpfung und unendlich.“
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

09-02-05-01
Als ich begann aus meiner Jahrzehnte anhaltenden Starre zu erwachen, wurde mir klar, dass jeder Tag ein Anfang ist.
Dass ich heute nicht mehr die von gestern sein kann und dass es an mir liegt, ob ich Ruß an Gesicht und Händen tragen will, oder mich von dem befreien will, was im Vergangenen verborgen liegt.

Du musst das Leben nicht verstehen…

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke
Aus: Frühe Gedichte

Wäre es nicht schön, das Leben so wie ein Kind leben zu können? Ganz im Augenblick?
Mit jedem Jahr das wir reifen verlieren wir diese Fähigkeit.

Reifen – Gedanken von Rilke

Man muss den Dingen die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen “ und dann gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste
im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr
fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken, eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke