Schlagwort-Archive: Vom Leben

Die 86jährige Nadine Stair erzählt:

„Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte…

nadine…würde ich wagen, das nächste Mal mehr Fehler zu machen.
Ich würde mich entspannen. Ich würde mich vorbereiten.
Ich würde alberner sein, als ich auf dieser Reise war.
Ich würde weniger Dinge ernst nehmen.
Ich würde mehr Chancen nutzen.
Ich würde mehr Reisen machen.
Ich würde mehr Berge besteigen und mehr Flüsse durchschwimmen.
Ich würde mehr Eis essen und weniger Bohnen.
Ich würde vielleicht mehr tatsächliche Sorgen haben,
aber auch weniger eingebildete.
Sehen Sie, ich bin einer dieser Menschen,
die Stunde für Stunde, Tag für Tag
vernünftig und normal leben.
Oh, ich hatte meine Momente,
und wenn ich es noch einmal machen könnte,
würde ich mehr Momente haben.
Tatsächlich würde ich versuchen,
nichts anderes zu haben – nur Augenblicke,
einen nach dem anderen,
anstatt so viele Jahre jedem Tag vorauszueilen.
Ich war einer dieser Menschen,
die ohne Thermometer, eine heiße Wärmflasche,
einen Regenmantel und einen Fallschirm nirgendwo hingingen.
Wenn ich es noch einmal machen könnte,
dann würde ich das nächste Mal mit leichterem Gepäck reisen.

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
würde ich im Frühling früher anfangen,
barfuß zu gehen und im Herbst später aufhören.
Ich würde öfter zum Tanzen gehen.
Ich würde mehr Karussell fahren.
Ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.“

Bildquelle: http://www.dscherer.com/

Das Samtkaninchen oder Das Wunder der Verwandlung

„Was heißt eigentlich echt?“, fragte das Samtkaninchen eines Tages, als beide…nebeneinander auf dem Fußboden im Kinderzimmer lagen. „Heißt es, dass man surrende Sachen im Bauch und einen Haltegriff am Rücken hat?“

„Echt hat nichts damit zu tun, wie man gemacht ist“, sagte das Pferdchen. „Es ist etwas, das mit dir passiert, Wenn dich ein Kind eine lange, lange Zeit liebt – wenn es nicht nur mit dir spielen will, sondern wenn es dich wirklich liebt -, dann wirst du echt.“

„Tut das weh?“ fragte das Samtkaninchen.

„Manchmal“, sagte das Pferdchen, denn es war immer ehrlich.
„Aber wenn man echt ist, macht einem der Schmerz nichts aus.“

„Passiert das denn ganz plötzlich wie beim Aufziehen?“, wollte das Samtkaninchen wissen, „oder eher Stück für Stück?“

„Es geschieht nicht auf einmal“, sagte das Pferdchen.
„Man wird es. Das braucht viel Zeit. Deswegen passiert es auch nur ganz selten mit denen, die leicht kaputtgehen oder scharfe Kanten haben und die man sehr sorgfältig behandeln muss. Wenn man erst einmal echt ist, dann sind einem schon die meisten Haare weggeliebt worden und die Augen fallen dir heraus und deine Gelenke sind ausgeleiert und du bist ganz abgewetzt. Aber das macht alles nichts, denn wenn du erst einmal echt bist, kannst du gar nicht mehr hässlich sein, höchstens für Leute, die keine Ahnung haben.“

Margery Williams, Das Samtkaninchen

Nähe – Distanz

Wenn wir dem Himmel ganz nah wären, so würde der Glanz eines einzelnen Sterns uns blenden. Wir könnten nichts mehr sehen.
Nur weil wir genügend weit entfernt sind, erkennen wir die unbeschreibliche Schönheit und Tiefe des Kosmos.

Wenn man zu nah ist, verliert man den Blick für das Ganze.
Man kann nur noch einen winzigen Ausschnitt wahrnehmen und dieser verliert seinen Kontext.

Man betrachtet den minimlaen Ausschnitt. Zunächst verwundert, verständnislos, verstört. Vielleicht wendet man sich irgendwann ganz ab.

Vielleicht hat man aber auch das Glück, dass man durch irgendein unvorhergesehenes Ereignis genügend Distanz bekommt.
Distanz, die es ermöglicht, Zusammenhänge und Muster zu erkennen. Distanz, die ein tieferes Verständnis erweckt, als der reine Verstand es ermöglicht.

Als du nah warst, warst du fern. In der Ferne bist du mir nah.

mague 2009