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Freundschaft

Welch eine kostbare Blume ist die Freundschaft. Ohne sie kann selbst ein starker Mensch nicht lange leben. Das Herz muß ein verwandtes vertrautes Herz haben, so ein Waldplätzchen, wo sich’s ruhen und liegen und plaudern läßt.

Man kann seinem Freund nie genug schätzen, wenn er ein wahrer Freund ist, und nicht schnell genug fliehen, wenn er uns als Freund betrügt. O es gibt falsche Freunde, deren Streben einzig darin besteht, zu verwunden, zu verletzen, zu zerstören!
Es gibt Menschen, die nur deshalb so eifrig bemüht sind, unsere Freunde zu scheinen, um uns desto sorgloser und tiefer kränken und schaden zu können. Ich kenne keinen solchen Freund, aber ich kenne sie aus Büchern, deren Sprache gewiß wahr ist, da sie herzlich und verständlich geschrieben sind.

Ich habe einen Freund, ich will ihn nicht nennen. Es genügt, dass ich ihn so sicher den meinigen, ganz den meinigen weiß. Wo gibt es ein Glück, eine Ruhe, ein Genießen, das diesem vergleichbar wäre? Ich kenne keines und keine. Nämlich keine solche Ruhe. Mein Freund denkt gewiß in dieser Stunde an mich, so gewiß, als ich seiner gedenke und erwähne. In seinem Aufsatz spiele ich ebensogut die Hauptrolle, wie er, der Gute, hier in meinem. O solcher Verkehr, solches Bündnis, solches Einverständnis, solches Fassen! Ich fass es nicht, aber ich lasse es um so ruhiger um mich herum geschehen, als es gut ist und liebe. Wie lieb und gut, kann meine ungeübte Feder nicht ausdrücken. Das sollte ein Schriftsteller von Beruf schreiben, der nähme das anders in die Hand.

Es gibt verschiedene Arten von Freundschaften, wie es verschiedene Arten von Treulosigkeit gibt. Man soll nicht eines für das andere nehmen. Man soll nachdenken. Die einen wollen uns betrügen und hintergehen, aber sie können nicht, andere wünschen uns ewig treu zu sein und müssen uns verraten, halb wissentlich, halb ohne ihren Willen.
Wieder andere verraten uns, um uns zu zeigen, dass wir uns getäuscht haben, wenn wir sie unsere Freunde wähnten. Ich liebe solche Feinde. Sie lehren uns etwas und hinterlassen uns keinen weiteren Kummer als die Enttäuschung. Das ist allerdings ein großer Kummer! Wer möchte nicht einen Freund besitzen, der er zugleich lieben und schätzen kann!

Beides, lieben und schätzen, sind für die wahre Freundschaft unentbehrliche Empfindungen.

Man liebt ein Spielzeug, man braucht es nicht zu schätzen. Ja man liebt Dinge, die man verachtet. Den Freund kann man nicht lieben und zugleich geringschätzen. Das geht nicht, wenigstens nicht nach meinen Empfindungen.

Gegenseitige Achtung ist die Erde, in der eine so zarte Pflanze nur wachsen kann.

Ich will lieber gehaßt als verachtet sein, lieber nicht geliebt, als so geliebt sein, wie man ist, wenn man zugleich mißachtet wird. Nichts kränkt einen edlen Menschen mehr als Mißachtung. Ein edler Mensch hat nur edle Menschen zu Freunden, und edle Freunde sagen es einem, wenn sie uns nicht mehr zu schätzen vermögen. Wahre Freundschaft ist demnach eine Schule der schönen und feinen Gesinnung. Und sich in dergleichen üben, ist ein Vergnügen, das über zehn, ja hundert andere Vergnügungen hinausragt. O ich bin voll des Bewußtseins der Süßigkeit edler Freundschaft. Noch eins: spaßhafte und lächerliche Menschen haben Mühe, sich Freunde zu erwerben. Man traut ihnen nicht, und wenn Sie Spötter sind, sind sie auch kein Vertrauen wert.

Robert Walser

Robert Walser

Einige Zitate:

„Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt.“

„Hinaufzukommen versuchen ist schöner, als oben zu sein.“

„Vielleicht sind duldsame Menschen mutiger als ungestüme. Letztere wollen doch immer nur, so scheint es, eine gewisse Angst überrennen.“

„Was man verachtet, das unterschätzt man.“

Sichwillkommenheissen

Ich bin vollständig gesund und zugleich
sehr ernstlich oder erheblich krank.
Wer in die Seltsamkeiten hineingegangen ist,
den nehmen sie und führen ihn
mit regierenden Händen, reissen ihn fort,
lassen ihn nicht wieder los.

Vielleicht besteht meine Krankheit,
falls ich meinen Zustand so nennen kann,
in einem zu vielen Liebhaben.

Dass sich in einem von Haus aus ernsten
Menschen etwas wie eine heimliche Tragödie abspielte,
schien niemand notieren zu wollen,
und so achtete kein Mensch auf die, wie man sagen möchte,
in jeder Art und Weise bizarre oder elegante Zerstörung der Seele.

Das wahre Gesundsein gipfelt in einem Sichwillkommmenheissen.

Robert Walser (1878 – 1956)

Sichwillkommenheissen. Sich akzeptieren, sich annehmen, so wie man ist. Mit allen hellen und dunklen Seiten. Mit Licht und Schatten. Kann das gelingen?
Und wenn es denn für einen Augenblick gelingt, wäre es nicht an der Zeit ein Fest zu feiern? Mindestens ebenso wichtig, wie ein Geburtstagsfest?
Während die leere Konsumfeste von Jahr zu Jahr mehr werden, ziehen die wahren festlichen Augenblicke im Leben oft unbemerkt vorüber.
Dichwillkommenheissen. Michwillkommenheissen.